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Publisher:  Schachverlag Kania, Pages 158,  Hardcover

"Ich bin mir ziemlich sicher, daß der Begriff der Großzügigkeit nur vom Schach hergeleitet wurde. Käme er beispielsweise von der Deutschen Bahn, würde man doch 'großgleisig' statt 'großzügig' sagen.

Das Wort erklärt auch sehr treffend das eigentliche Problem. So wie das Attribut 'großartig' die Erziehung der Teenager charakterisiert, so spricht man im Schach demjenigen Großzügigkeit zu, der eine große Geste, eben einen großen Zug macht. Diesem feinen Zug zum Abschluß der PArtie wollen wir uns zuwenden.

Großzügige Menschen sind sehr beliebt, auch in unserem Sport natürlich. Uneigennützig mehren sie den Erfolg des anderen, verkürzen die Plagezeit und verteilen - ab und zu wenigstens - Geschenke. Sie sind nicht an Leistungsklassen und Standorte gebunden, denn auch in Schottland erlebt man selbstverständlich derlei Großzügigkeiten.

Die letzte, große Geste in der Schachpartie muß immer als der Ausdruck einer ganz besonderen Freundschaft gewertet werden, und kritisieren kann man sie nur, wenn sie im Ausnahmefall aus Versehen, also unbeabsichtigt erfolgt.

Dann freilich kann man nicht streng genug sein, vor allem, wenn es uns nicht selbst betrifft. Solche Großzügigkeiten sind dann meistens der Ausdruck von Liederlichkeit, von Oberflächlichkeit bei der Bewertung der Stellung und Ungenauigkeit bei der erforderlichen Urteilsfindung. Sorglosigkeit, auch Überheblichkeit nach dem Motto 'Alte Männer machen's schon!' leiten den Kopf und führen die Hand.

Viele abschreckende und erzieherisch wirksame Exempel schließen sich nun diesen Worten an. Sie geben Anlaß zum Schmunzeln und Kopfschütteln, je nach Temperament auch zum mitleidigen Lächeln und Grübeln, obwohl sie in der realen Situation der Turnierpartie der einen Seite das blanke Entsetzen in die Augen trieben.

Illustrieren läßt sich das Anliegen dieses Kapitels bestens mit dem folgenden Dresdener Beispiel.

49 Zinn - Syré, Dresden 1977
Weiß: Kd2 / Dh8 / Le8 / Ba2, b4, c2, d5, f2, g2, h4

Schwarz: Ke7 / Dh1 / Ta8 / Lc8 / Ba7, b6, d6, f6, g6


Zwei bekannte Meister des DDR-Schachs saßen sich gegenüber. Beide hatten wohl auch ein paar unangenehme Charaktereigenschaften, was die abwegige Stellung ihrer Damen hinreichend belegt, und sie erreichten schließlich die im Diagramm 49 abgebildete Position.

Weiß holte nun zum entscheidenden Schlag aus. Mit

1.Lc6?
drohte er auf e8 einzügig mattzusetzen, und gleichzeitig griff er den schwarzen Turm an.
Das alles hatte natürlich auch Schwarz erkannt, und deshalb gab er sich geschlagen.

Nachzutragen sind zwei Dinge. Erstens hatte Weiß schon mindestens zweimal mit seinen vorherigen, an Fragezeichen reichen Zügen dem Gegner diese Möglichkeit eingeräumt, und zweitens lag diese fulminante Chance ja ganz unübersehbar auf dem Tisch.

1...Dd1+! 2.K:d1
(oder noch schlimmer 2.Ke3 De1+, und Schwarz stellt sich den König zurecht; 2.Kc3 D:c2+)
2...Lg4+ 3.f3 T:h8
war möglich.
Nach diesem unglaublichen Finale wurde trotzdem ein Punkt vergeben. So sind nun mal die Regeln!

51 Bills - Terry, USA 1958
Weiß: Kg1 / Dd3 / Td1 / Lg2 / Bc6, c4, f2, g3, h2

Schwarz: Kg8 / Dd6 / Td8 / Sd4 / Bb4, f7, g6, h7


"Die Kombination ist die Mutter der Siege!" - sagte sich Weiß in der Stellung des Diagramms 51. Als er nun die Läufersperre auf d5 entdeckt hatte, gab es für ihn kein Zaudern mehr:

1.D:d4? D:d4 2.T:d4.
Bereits hier sah auch sein sympathischer Gegner, daß nach

2...T:d4 3.Ld5
der Läufer dem Turm den Rückweg abschneidet, und kapitulierte bereitwillig.
Diese kleine Großzügigkeit kostete dem Terry einen ganzen Punkt in der Tabelle, denn der Turm konnte über einen gut ausgeleuchteten Umweg

3...Td1+ 4.Kg2 Te1 5.c7 Te8
seine Grundreihe bequem erreichen. Nach
6.Lb7 b3
ist es dann der Nachziehende, der sich eine neue Dame holt.

Leseprobe aus Kapitel 5, "Großzügigkeiten"

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